Dunkelsonne
von Jutta Ouwens
Moni ist tot. Ihr Name steht in schwarzen Lettern in der Zeitung. Ich lese die Traueranzeige noch einmal, obwohl es keinen Zweifel gibt.
Monika Hoffmann
geb. Szymanowski
geb. Szymanowski
Ich erkenne sie an ihrem Mädchennamen und dem Geburtsdatum. Wir wurden am gleichen Tag, im gleichen Monat des Jahres 1950 geboren und sind gemeinsam aufgewachsen. Ich schaue auf die Adresse und sehe mit Bestürzung, dass sie in meinem Stadtteil gewohnt hat. Wir hätten uns jederzeit wiedersehen können, Moni und ich.
Tatsächlich haben wir uns am 23. November 1963 zum letzten Mal gesehen, am Tag nach Kennedys Ermordung.
Die Menschen in unserer Zechensiedlung waren geschockt, unsere Mütter weinten und versammelten sich vor dem Fernseher, die Männer diskutierten im Hof die politische Lage und tranken kopfschüttelnd ihr Bier, nur wir beluden schweigend Harrys VW-Bus mit unseren zusammengeschnürten Umzugskartons. Irgendwie gehörten wir schon nicht mehr dazu.
Moni drückte sich zwischen mir und meiner Familie herum, reichte uns kleinere Kartons an und suchte meinen Blick. Doch ich konnte sie nicht ansehen, es ging einfach nicht. Meine Kiefermuskeln schmerzten, so sehr presste ich die Zähne aufeinander, stur und hilflos kroch ich in den Bus und zerrte an den Kisten herum. Meine Mutter sprach ab und zu mit Moni, sie redete irgendwas von ‚besuchen kommen’, und ich hielt es kaum aus. Mein kleiner Bruder Berni, damals neun, nutzte jede ihm noch verbleibende Minute. Ich hörte ihn rufen und kreischen, sah den Fußball durch die Luft fliegen, als sei dies ein Tag wie jeder andere. Doch es war der Tag, an dem unser altes Leben endete und ich das Gefühl nicht los wurde, Moni verraten zu haben.
Monika Szymanowski war meine beste Freundin, an einen Tag ohne sie kann ich mich gar nicht erinnern. Sie war klein und mager, ungewöhnlich blass, ihre spillerigen Haare trug sie zu mickrigen Zöpfchen geflochten und sie roch immer ein bisschen nach Pipi.
Wir wohnten im Duisburger Norden, in einer rußigen Zechenhaussiedlung. Die Eingänge lagen auf der Rückseite, drei Stufen führten in einen engen Flur, links ging es zur Küche, von dort in ein kleines Wohnzimmer. Die ausgetretene Holztreppe führte in das Obergeschoss, wo noch zwei weitere Räume lagen: das Elternschlafzimmer und der lächerliche Verschlag für die Kinder. Wenn es zu viele waren, schliefen einige in der Wohnstube oder auf dem Küchensofa.
Wir hatten damals bereits eine Toilette im Haus, denn Vaters Freund, Harry Nettelbach, besaß einen Sanitärladen in der Innenstadt. Er überließ uns ein angeschlagenes Klobecken zu einem Spottpreis und half meinem Vater beim Einbau unter der hölzernen Treppenverkleidung. Sie legten eine Stromleitung in den Verschlag, damit eine trübe Funzel diesen unwirtlichen Ort notdürftig bescheinen konnte. Die schmale Sperrholztür war so niedrig, dass wir alle, außer Berni, regelmäßig mit dem Kopf gegen die angenagelte Latte stießen. Da es keine Lüftung in dem Kabuff gab, musste die Tür nach einem großen Geschäft eine gewisse Zeit offen bleiben, damit der Gestank abziehen konnte. Meine Mutter öffnete gleichzeitig die Haustür, und mir war es peinlich, dass die Nachbarn mitkriegten, wann wir aufs Klo mussten.
Ein weiterer ungünstiger Umstand war, dass es keine Wasserspülung gab. Jedes Mal kippten wir mit einem Eimer einen Schwall Wasser ins Klobecken, aber nicht immer rutschten die Exkremente sofort hinunter, dann musste man in der Küche neues Wasser holen. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wie mein Vater und Harry das Problem mit der Kanalisation gelöst haben, doch Papa werkelte oft fluchend in dem Treppenklo herum und ich hörte meine Mutter einmal entnervt sagen, dass das Plumpsklo auch nicht viel schlechter gewesen sei, es habe den Gestank wenigstens vom Haus weggehalten.
Es dauerte noch ein paar Jahre, bis alle Leute in unserer Siedlung richtige Porzellantoiletten in den Häusern hatten. Moni und ich waren schon im zweiten Schuljahr, als die Sickergruben in den niedrigen Hinterhofställen zum letzten Mal leergepumpt wurden. Unsere Väter nagelten die runden Holzdeckel auf die Sitzlöcher. Mit dem infernalischen Gestank war es nun endlich vorbei. Die ‚Donnerbuden’ hatten ausgedient. Moni sammelte das aufgespießte Zeitungspapier ein, das zum Abwischen gedacht war, und verriet mir, dass ihr großer Bruder Wolfgang daraus schon heimlich Zigaretten gebastelt hatte.
Unsere Väter waren Bergleute auf der Zeche Neumühl. Bei uns kannte jeder jeden. Wir Kinder fühlten uns hier sicher und beheimatet, obwohl es an alltäglichen Grausamkeiten im Zusammenleben nicht fehlte. Unsere Welt war die Hinterhofmeile, acht Meter breit und gut achtzig Meter lang. Von der Treppe bis zum Stall acht Meter, von Haus Nr.1 bis Haus Nr.15 achtzig Meter. Der Boden aus festgetrampelter Erde staubte im Sommer mit dem Dreck aus den Schloten um die Wette. Wir waren eingerahmt von den Hochöfen der Thyssen- Stahlschmiede, den Zechen und der Oberhausener Ruhrchemie, die einen rötlichen, bitter schmeckenden Staub zu uns herüber wehte. Berni saß auf seinem Dreirad und fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. Er sah in den roten Himmel und sagte mit Kennermiene: „Ruschemie macht Dreck.“ Das geschah an den schlimmen Tagen, wenn der Wind von Nordost kam. Meine Mutter trat im Sommer häufig vor die Tür, strich sich über ihre Kittelschürze und sah besorgt in den Himmel. Aus der Waschküche roch es nach Seifenlauge und sie überlegte, ob sie es wagen konnte, die Laken draußen aufzuhängen. Je nach Windrichtung bestand die Gefahr, dass die weiße Wäsche abends mit schwarzen und rötlichen Stippen übersät war. Einmal stellte sich Berni neben sie, fasste den Zipfel ihrer Schürze und hob seinen Wuschelkopf ebenfalls gen Himmel. Er sah einen Moment schweigend hinauf, streckte ein Ärmchen in die Luft und sagte: „Dunkelsonne.“ Meine Mutter fuhr ihm durch die Locken und nickte. Es war Hochsommer, doch die Sonne konnte die Wand aus Qualm und Dreck nicht durchdringen.
Wir wohnten in Nr.7. Unsere direkten Nachbarn waren links die Pfeiffers, rechts die Reddekamps. Moni wohnte ganz am Ende, in Nr.15.
Vielleicht lag es am Mysterium unseres gemeinsamen Geburtstages,- unsere Mütter hatten nebeneinander im Kreißsaal gelegen, nur durch einen Paravant voneinander getrennt-, dass wir unzertrennliche Freundinnen wurden. Karin Pfeiffer war auch in meinem Alter, genau wie Bärbel Reddekamp, doch Moni und mich zog es einfach zueinander.
Meine frühesten Erinnerungen zaubern Gerüche hervor. Wir hockten in der selbstgezimmerten Sandkiste neben unserem Stall und schaufelten mit Hingabe Sand in die Muschelförmchen. Der Sand, versetzt mit Dreck, hatte einen ganz bestimmten feucht-kühlen Geruch, er roch weiß, weiß-grau vielleicht, und ich habe nie mehr einen ähnlichen Sand gerochen. Der zweite Geruch war der Pipiduft, der Monis Unterhose entströmte, wenn sie eifrig schaufelnd neben mir in der Hocke saß. Meistens roch es hellgelb, doch manchmal auch beißend-rot, dann rückte ich einfach ein Stückchen von ihr weg. Ich habe mir nie Gedanken darüber gemacht, Moni war Moni, bis ich eines Tages Karin sagen hörte: „Die polnische Pissnelke stinkt schlimmer als die Donnerbude.“ Dann steckten Karin und Bärbel die Köpfe zusammen, lachten und hakten sich unter. Sie warfen einen Blick in unsere Richtung, nahmen das Springseil und gingen ein gutes Stück von uns weg.
Damals saßen Moni und ich auf unserer Treppe und tauschten Glanzbilder.
Als Karin und Bärbel davonzogen, steckte ich meinen Kopf tief in die Handelsgold-Zigarrenkiste und tat, als suchte ich eifrig nach einem bestimmten Glanzbild. In Wirklichkeit starrte ich mit leerem Kopf einfach auf mein schönstes Bild: Eine tanzende Waldelfe, mit einer Glockenblume auf den goldenen Locken, das flatternde Tanzkleid mit silbernem Glitter überzogen. Mir war nicht klar, was gerade geschehen war, doch ich verstand, dass Moni niemals dazugehören würde. Mir fiel ein, wie oft ihre Mutter zu unserer Tür gekommen war, um ein harmloses Gespräch mit meiner Mutter anzufangen. Ihre Sprache war eigenartig: Aus jedem ‚Ö’ machte sie ein langes ‚E’, aus jedem ‚G’ ein ‚J’, und das ‚R’ fiel rollend und hart aus ihrem Mund. Sie kam nie die Stufen hinauf, sondern blieb mit verschränkten Händen vor der Treppe stehen und wirkte auf mich immer verlegen. Es fiel mir schwer sie anzusehen, ich wurde rot, wenn sie wie üblich fragte, wie es ‚..dem scheenen Zwilling von der Moni denn jehe.’ Meine Mutter kam hinaus, blieb kurz auf der oberen Stufe stehen und sah freundlich auf sie hinab, tat, als amüsiere sie sich über ihren Scherz und ging dann wieder hinein, mit dem Hinweis auf die wartende Hausarbeit.
Dann zog Monis Mutter den Kopf ein und nickte stumm.
Ich sah aus dem Augenwinkel, dass Moni ihren dünnen Zopf mit den Fingern zwirbelte und geradeaus in die Luft starrte. Sie hielt die Knie eng zusammengepresst und zog mit der freien Hand den fadenscheinigen Rock immer wieder darüber. An diesem Nachmittag merkte ich zum ersten Mal, dass die Luft nach Schwärze roch und mir das Atmen schwer machte. Gerne hätte ich Moni berührt, einen Scherz gemacht, doch ich war wie gelähmt, mein Verstand eingefroren. Irgendwann, nach einer Ewigkeit nahm ich die Waldelfe vorsichtig aus der Kiste und hielt sie Moni hin, ohne ihr ins Gesicht zu sehen.
Es dauerte eine Weile, bis sie meine Hand sanft zur Seite schob, aufstand und ging.
Von da an hörte ich öfter, dass die Kinder Moni und ihren drei Geschwistern das Wort ’Pollacken’ hinterher riefen. Zwar wurde meine Mutter einmal sehr wütend darüber und fand es ungerecht, doch das sagte sie nur bei uns zuhause. Auf meine Frage, was das Wort denn überhaupt bedeuten würde, sagte sie, die Szymanowskis kämen aus dem Osten, weit weg von unserer Stadt. Das war alles. Ich verstand es noch weniger.
Ein paar Wochen nach der Glanzbildgeschichte gab es eine Prügelei zwischen Monis Bruder Wolfgang und Harald, Karins älterem Bruder. Moni hatte ein paar spärliche Grasbüschel vor der Hausmauer gepflückt und hielt sie in den Kaninchen hin, die in der umgebauten Donnerbude der Pfeiffers wohnten und ihrem Schlachttermin entgegenfraßen. Sie hatte ihren Tornister an die Wand gestellt und wartete auf mich. Hätte ich nicht so getrödelt, wäre es nie zu der Schlägerei gekommen! Moni und ich gingen jeden Tag gemeinsam zur Schule, und es war uns in den letzten Wochen schwer genug gefallen, wieder einen halbwegs normalen Umgangston zu finden. Ich redete viel zu viel und sah ihr viel zu selten ins Gesicht. Ihr Schweigen, ihr geduldiges Lächeln irritierten mich dermaßen, dass ich manchmal dachte, es wäre einfacher, mir eine andere Freundin zu suchen. Doch ich konnte niemanden so gerne haben wie Moni.
Meine Mutter reichte mir gerade mein Schulbrot, als wir Haralds Stimme hörten: „Hau bloß ab, Pollacken haben bei unseren Kaninchen nichts zu suchen!“ Mein Herz polterte plötzlich wie verrückt, ich stürzte zur Tür. Moni hatte das Gras fallen lassen und stand stocksteif vor dem Käfiggitter. Harald lief die Treppe runter, doch bevor er einen Schritt auf Moni zugehen konnte, stürzte sich Wolfgang schon auf ihn. Er war aus dem Nichts aufgetaucht, niemand von uns hatte zur Seite geschaut, aber jetzt sah ich die Staubwölkchen, die nach seinem Sprint wieder auf den Boden sanken. Die beiden wälzten sich kurze Zeit auf dem Boden, ächzten, spuckten Staub und hieben verbissen aufeinander ein, bevor Wolfgang ganz plötzlich vom keuchenden Harald abließ. Er hatte auf ihm gekniet, der sehnige, dünne Wolfgang auf dem rotwangigen, stämmigen Harald. Für eine Sekunde starrte er voller Verachtung auf ihn hinunter und ich befürchtete, er würde ihm ins Gesicht spucken, doch er wandte sich ab, nahm seine Schwester an die Hand und ging mit ihr weg.
Ich schlich den beiden hinterher, meine Haut juckte vor Aufregung. Was sollte ich tun? Hinter mir riefen Karin und Bärbel, die wissen wollten was los war, vor mir ging Wolfgang, der seinen Arm jetzt um Monis Schulter gelegt hatte. Ich schwieg und blieb allein in der Mitte.
Den ganzen Vormittag wartete ich darauf, dass Moni etwas sagen würde. Ich wünschte mir, sie würde wütend werden, schimpfen, von mir aus auch traurig sein, dann hätte ich sie wenigstens trösten können. Doch nichts davon geschah. Sie verhielt sich normal, beteiligte sich inbrünstig am Gesangsunterricht und trug so dazu bei, dass ich mich immer mieser fühlte. Ihr Schweigen wirkte auf mich wie eine Anklage, ihre Freundlichkeit wie Verachtung. Ich konnte das Thema von mir aus nicht anschneiden, ohne dass es nach Rechtfertigung aussah. Ich fühlte mich hilflos und wütend. Als Bärbel mich am Tag danach zu ihrem Geburtstag einlud, nahm ich an und zog in der großen Pause mit ihr und Karin laut lachend über den Schulhof. Moni stand an die Mauer gelehnt und sah uns zu. Sie verzog keine Miene und stellte sich am Ende der Pause neben mich in die Reihe. Als Karin sich vor sie drängte und Moni kichernd anrempelte, sodass sie gegen mich taumelte, schubste ich sie hart zurück. Bärbel grinste mir augenzwinkernd zu, und im gleichen Moment sah ich eine Träne aus Monis Augenwinkel über die Wange rollen. Ich fühlte mich hundeelend.
Karin bekam von ihren Eltern ein gebrauchtes Kinderfahrrad geschenkt und ließ uns gnädig auf dem Hof ein paar Runden drehen. Unsere Münder waren noch verschmiert von Kuchen und Kakao, als wir unsere wackeligen Fahrkünste ausprobierten. Bärbels Schwester Susi schaffte die längste Strecke, fast die gesamte Hoflänge, bis zu Szymanowskis Haus. Moni saß auf der Treppe und sah uns zu. Ich wich ihrem Blick aus und fuhr lieber vor unserer Tür im Kreis. Karin machte jedes Mal ein Riesentheater, wenn einer von uns schwankte. Sie hatte Angst, dass wir ihr neues Rad verbeulen könnten. Doch ich fuhr ganz gut, und dann rief Karin zu Moni hinüber: „Siehst du, Pissnelke, so fährt man Fahrrad! Das würdest du gar nicht schaffen!“ Danach klopfte sie mir anerkennend auf die Schulter. Vielleicht wäre nichts weiter passiert und ich hätte wie immer verlegen auf den Boden gesehen, wenn nicht mein kleiner Bruder rausgekommen wäre und mich fragend angesehen hätte. Erstaunt und forschend sah er mir ins Gesicht, und mir war klar, dass er eine eindeutige Stellungnahme erwartete. Ich war neun und Berni fünf, und ich wollte nicht, dass er sich für mich schämen musste. Plötzlich fiel es mir ganz leicht. Ich sprang vom Rad, warf es in den Dreck und schrie: „Lass bloß meine Freundin in Ruhe!“ Dann rannte ich so schnell ich konnte zu Moni und setzte mich neben sie. Ich fühlte mich fantastisch.
Als ich zehn Jahre alt war, veränderte sich einiges. Ich kam auf die Realschule, zusammen mit Karin. Bärbel und Moni blieben auf der Volksschule. Berni kam ins erste Schuljahr und meine Mutter nahm ein Stelle in einem Schreibwarenladen an. Sie ging nun jeden Vormittag von acht bis elf Uhr arbeiten. Wir hatten einen nagelneuen Fernsehapparat und mein Vater besaß als Erster aus der Siedlung ein Auto. Eine dunkelgrünen Käfer.
Ein Jahr zuvor hatte in Hamborn die Zeche Friedrich Thyssen 4/8 zugemacht.
Moni kam fast jeden Nachmittag zu mir. Sie wollte alles über meinen Unterricht wissen, lernte mit mir zusammen sogar ein bisschen Englisch und freute sich, wenn ich gute Klassenarbeiten schrieb. Sie hätte auch auf die Realschule gehen können, doch ihr Vater fand das unnötig. Ich bat meine Eltern um Schützenhilfe. Tatsächlich ging mein Vater auch einmal bis ans Ende der Strasse, doch Monis Vater war nicht zuhause und ihre Mutter sagte verlegen, es habe keinen Sinn, mit ihrem Mann darüber zu reden, sie habe es ebenfalls schon versucht. Einen weiteren Vorstoß unternahm mein Vater nicht, und Moni hat mir später gesagt, es sei auch besser so gewesen, denn sie hätte Angst gehabt, dass ihr Vater glauben könnte, sie habe meinen Vater geschickt, denn dann hätte es Haue gegeben.
Einmal schenkte meine Mutter Moni zwei Röcke und einen Pullover von mir, weil mir die Sachen zu klein geworden waren. Später kam Moni zurück und hielt meiner Mutter eine Tüte hin. Sie dürfe das nicht annehmen, habe ihr Vater gesagt. Meine Mutter und ich schauten verlegen zur Seite.
Im nächsten Jahr musste Karin zurück auf die Volksschule und ich wechselte ins Gymnasium. Das Lernen fiel mir leicht, doch in der Siedlung war ich nun als Streberin verschrieen, Bärbel und Karin machten mir das Leben schwer.
Im Gymnasium sagte ein Mädchen zu mir, dass ich ja in der ‚Kolonie’ wohnen würde, und ihr Gesicht verzog sich, als hätte ich eine ansteckende Krankheit. Als ich das zuhause erzählte, schwieg meine Mutter bedrückt und sah meinen Vater an. Mein Magen flatterte. Von da an begleitete mich das Gefühl, einen Makel zu haben, und ich begann auszuweichen, wenn mich jemand nach meiner Adresse fragte.
Zuhause war ich nach wie vor mit Moni zusammen, doch die Unbefangenheit verschwand. Ich verglich uns immer öfter mit den Kindern aus meiner neuen Klasse. Da gab es Ute, die hübsche, schwingende Kleider trug und eine Unmenge davon zu besitzen schien. Hella, die von ihrer Mutter jeden Morgen mir einem großen Auto bis vor das Schultor gefahren wurde, und Claudia, die sogar einen tragbaren Plattenspieler und eine Sammlung der neuesten Schlager besaß. Fast alle Mädchen hatten ein richtiges Kinderzimmer, einige wohnten sogar in eigenen Häusern. Bei Ute bin ich einmal zum Lernen gewesen und habe mich kaum getraut, etwas anzufassen. Utes Zimmer war größer als unsere Wohnstube, sie hatte orangefarbene Möbel und einen richtigen Schreibtisch. Ich dachte an unsere kleine Kammer, wo gerade mal Bernis und mein Bett reinpassten und ein zweitüriger, dunkelbrauner Kleiderschank. Hausaufgaben erledigten wir am Küchentisch und ich besaß weder ein Puppenhaus noch eine große Spielsammlung. Mein Vater kam noch immer müde und in alten Klamotten vom Schacht, während Utes Vater mit einer Aktentasche aus einem Büro nach Hause kam. Er trug eine feine Krawatte und hatte einen Hut auf dem Kopf.
Moni erzählte ich von alledem nichts, doch ich sah ihre einfachen Kleider mit anderen Augen. Heute weiß ich, dass ich damals begann, mich für uns zu schämen. Doch wenn Moni sich über meine Hefte beugte und mir englische Sätze vorlas, mit glänzenden Augen ein Gedicht rezitierte und meine Matheaufgaben nachrechnete, dann sah ich ihr zu und liebte sie von ganzem Herzen.
Richtig schwierig wurde es, als Ute mich auch einmal besuchen wollte. Meine Ausflüchte durchschaute sie sofort. Sie fragte mich geradeheraus, ob ich mich schämen würde, weil ich in der Kolonie wohnte. Mein gespieltes Erstaunen und heftiges Kopfschütteln machten alles noch schlimmer. Schließlich lud ich sie ein, sagte aber Moni nichts davon, sondern erfand eine Ausrede für den Nachmittag. Ich wartete mit Saft und Marmorkuchen, doch Ute kam nicht. Am nächsten Morgen erklärte sie mir mit kratziger Stimme, sie habe ganz vergessen, dass sie mit ihrer Mutter zum Kaffee bei einer Tante eingeladen war, doch ich wusste, wie es sich anfühlt, wenn man jemandem nicht in die Augen sehen kann. Ute starrte die ganze Zeit auf ihren Silberring, den sie nervös am Finger drehte. Nach einem neuen Termin fragte sie nicht.
Zur gleichen Zeit breiteten sich Angst und Unruhe in unserer Siedlung aus. Das große Zechensterben hatte begonnen, unsere Väter sorgten sich um ihre Arbeitsplätze. Harry kam jetzt des öfteren abends vorbei und unterhielt sich hinter verschlossener Tür mit meinen Eltern. Bärbels Vater arbeitete schon am Hochofen, die Reddemanns hatten sich ein Auto und eine Waschmaschine gekauft, alles auf Raten, da konnten sie es sich nicht leisten, arbeitslos zu werden. Das sagte meine Mutter und betonte, dass wir nichts abstottern müssten, weil sie ja ebenfalls Geld verdiene.
Moni hütete jetzt jeden Samstag die Kinder der Metzgersleute, Wolfgang trug vor der Schule Zeitungen aus. Wir sahen uns nicht mehr täglich, auf dem Hinterhof spielten jetzt unsere jüngeren Geschwister. Die Frauen standen häufiger besorgt zusammen und hie und da wurde der Wunsch geäußert, endlich auszuziehen, rauszukommen aus dem Dreck, in eine neue Etagenwohnung, möglichst mit Balkon.
Dann kam das Aus für die Zeche Neumühl. Im Herbst 1962 fing mein Vater in Harrys Sanitärgeschäft an. Es gab viel Arbeit, überall schachtete man Baugruben aus, ganze Siedlungen schossen aus dem Boden und die ersten Hochhäuser wurden bestaunt. Harry stellte noch zwei Leute ein und mein Vater hatte die Aufgabe, den Lieferwagen zu beladen, zu den Baustellen zu fahren und das Lager in Ordnung zu halten. Meine Mutter fing in Harrys Büro an. Meine Eltern waren aufgeregt und stolz, und mein Vater betonte, dass er ohne den Schichtdienst ein ganz neuer Mensch geworden sei. Mir erging es ebenso. Ich war froh, sagen zu können, dass mein Vater nun ein Angestellter und kein Kumpel mehr war, obwohl ich nicht wusste, was das eigentlich bedeutete. Harrys Firma war in der Innenstadt und es ergab sich fast wie von selbst, dass wir uns eine der neuen Wohnungen in einem zweigeschossigen Mietshaus aussuchten. Es war ja auch näher am Arbeitsplatz meiner Eltern.
Monis Bild verblasste in dieser Zeit auf eigentümliche Weise. Es passierte so viel bei uns, in der Schule verlor ich die Scheu von meinem Zuhause zu erzählen, denn jetzt konnte ich endlich mithalten, jetzt, wo alles viel besser werden würde. Natürlich hatte ich Moni nach wie vor gerne und freute mich, wenn wir zusammen waren, doch ich war bereit zu gehen, und Moni würde hier bleiben. In meine Familie war ein neues Lachen gekommen, Begeisterung und unendlich viele Erwartungen, es ging eindeutig bergauf! In Monis Familie blieb alles beim Alten. Ihr Vater schuftete jetzt in einer Kiesbaggerei. Die zahlten längst nicht so gut wie die Zeche! Das erklärte uns mein Vater.
Ich machte schon Pläne, wie mein Kinderzimmer aussehen sollte. Mein Vater sagte, es sei so groß, dass wir einen Raumteiler in die Mitte stellen könnten, dann hätten wir wirklich jeder ein eigenes Reich, Berni und ich.
Und dann war das neue Haus fertig und der Tag unseres Umzugs war gekommen. Wir waren die Ersten, die aus der Zechensiedlung auszogen, und wäre Kennedy nicht einen Tag vorher ermordet worden, hätte ich mich an dieses Datum sicher gar nicht erinnert.
Und Moni? Wir haben einfach nichts mehr voneinander gehört. Es gibt keine Erklärung, keinen überzeugenden Grund, die Zeit ging weiter, sonst nichts.
Moni ist tot. Ich lese ihren Namen und erfahre, dass sie zwei Söhne hat und ein Enkelkind. Es tröstet mich irgendwie, macht das Durchatmen leichter. Morgen wird sie beerdigt. Vielleicht gehe ich ja hin, schließlich war sie meine beste Freundin.